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Die US-Zölle und ihre Auswirkungen auf europäische Unternehmen

19.08.2025

Die US-Zölle und ihre Auswirkungen auf europäische Unternehmen
Die US-Zölle und ihre Auswirkungen auf europäische Unternehmen

Die direkten Gewinnbelastungen durch US-Zölle sind unter Branchenaspekten sehr ungleich verteilt

Nach den getroffenen Zollvereinbarungen der Trump-Regierung mit den wichtigen Handelspartnern Europäische Union sowie Japan fehlen nur noch die finalen Unterschriften für die Umsetzung des pauschalen Zollsatzes von 15% für EU-Exporte in die USA. Für eine vollständige Entwarnung, was Zollängste und deren entsprechenden negativen Einfluss auf die Aktienmärkte angeht, ist es aber noch zu früh. Dies hat kürzlich nicht nur der überraschende Zollschock für die Schweizer Industrie gezeigt, deren Exporte in die USA künftig einem Zollsatz von 39% unterliegen sollen. Auch die Zolldiskussion mit China bleibt weiter offen, da die massive Anhebung der chinesischen Exportzölle von 30% auf über 100% lediglich um drei Monate auf den 10. November verschoben wurde. Zudem stehen noch branchenspezifische Entscheidungen an. So hat das US-Handelsministerium Untersuchungen gemäß „Section 232“ des „Trade Expansion Act“ von 1962 eingeleitet, sodass mit Verweis auf die nationale Sicherheit einzelne spezifische Produktgruppen gesondert behandelt werden, was vor allem den Pharma- und Halbleitersektor betreffen wird. In der Summe lässt sich aktuell festhalten, dass die Durchschnittszollsätze bei über 16% liegen werden. Nach dem nur moderaten Anstieg dieser Sätze während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump (Trump 1.0) erreichen die US-Zollsätze damit historische Ausmaße wie sie zuletzt kurz vor dem zweiten Weltkrieg vorherrschten (siehe Abb. 1).

Abb 1.: Entwicklung der US-Importzölle über die letzten 100 Jahre; Quelle: J.P. Morgan
Abb 1.: Entwicklung der US-Importzölle über die letzten 100 Jahre; Quelle: J.P. Morgan

Während die positiven Auswirkungen für den US-Finanzminister mit voraussichtlichen jährlichen Zusatzeinnahmen von über 400 Mrd. Dollar bereits sukzessive in die Staatskassen fließen, sind die Auswirkungen auf die US-Inflationsdaten noch moderat. Die am Donnerstag letzter Woche veröffentlichten Produzentenpreise (PPI), die im Juli auf Jahressicht deutlich beschleunigt um 3,3% zulegten, zeigen aber bereits Spuren des Inflationsanstiegs. Am Freitag bestätigten dann sowohl der überraschend starke Anstieg beim Importpreisindex als auch die Inflationserwartungen auf Konsumentenseite im Rahmen der Umfrage der University of Michigan diesen Trend recht deutlich.


Ganz entscheidend für den weiteren Verlauf der Inflationsdaten ist die Frage, wie stark die Exportwirtschaft in der Lage sein wird, mittels Preiserhöhungen und Zollzuschlägen auf die neuen Rahmenbedingungen zu reagieren. Umfrageergebnisse sowie Analysen von J.P. Morgan und Goldman Sachs zeigen, dass im Gegensatz zu den moderaten Zollerhöhungen unter Trump 1.0 künftig deutlich mehr Unternehmen davon ausgehen müssen, dass ein größerer Teil der Zollbelastungen nicht an den Endkunden weitergegeben werden kann, was direkte negative Spuren bei den Unternehmensgewinnen hinterlassen wird.

Abb 2.: Umfrageergebnis zur Möglichkeit von zollinduzierten Preisehöhungen
Abb 2.: Umfrageergebnis zur Möglichkeit von zollinduzierten Preisehöhungen

Blickt man auf die erwartbaren negativen Auswirkungen der US-Zölle auf diverse europäische Branchen, die im Aktienindex STOXX Europe 600 eine spürbare Gewichtung haben, ergibt sich ein sehr heterogenes Bild. Während einige Sektoren von der Zollthematik nahezu gar nicht tangiert werden, treffen die neuen Rahmenbedingungen exportorientierte Branchen mit hohem USD-Umsatzanteil erheblich.


Rund ein Drittel der Indexgewichtung repräsentieren Branchen, die von negativen Auswirkungen der US-Zölle kaum direkt betroffen sind. Hierzu zählen die europäischen Banken, die mit einer Performance von fast 50% seit Jahresbeginn die Gewinnerlisten am Aktienmarkt klar anführen. Hier sollten schlimmstenfalls höhere Kreditausfälle bei besonders zollgeschädigten Kunden einen indirekten Belastungsfaktor darstellen. Auch Versicherungen, Finanzdienstleister und Immobilientitel sind nur geringfügig betroffen. Europäische Stromversorger und Telekommunikationsdienstleister müssen die Thematik aufgrund der zumeist auf Europa fokussierten Geschäfte ebenfalls wenig fürchten. Die Deutsche Telekom profitiert sogar vom neuen US-Steuergesetz („One Big Beautyful Bill Act“), das sich positiv auf den Free Cash Flow der US-Tochter T-Mobile US auswirkt.


Für die Branchen IT und Gesundheitswesen, die zusammen rund 20% des Indexgewichts vertreten, ist das Bild noch sehr unklar, da die finalen Ergebnisse der Untersuchungen gemäß „Section 232“ noch abgewartet werden müssen. Lediglich für die Softwarebranche um das Schwergewicht SAP drohen kaum Belastungen. Im jüngsten Quartalsbericht von SAP sucht man vergeblich nach dem Begriff „Zölle“.

 
Die großen europäischen Pharmakonzerne haben bereits mit massiven Investitionsankündigungen frühzeitig versucht, die Entscheider in den USA milde zu stimmen. So wollen Roche und Novartis in den nächsten fünf Jahren 50 Mrd. bzw. 23 Mrd. US-Dollar in den Bau von Produktions- und Forschungseinrichtungen in den USA investieren. Allein die Tatsache, dass die Branche mit einem Umsatzanteil von nahezu 50% die größte Abhängigkeit vom US-Geschäft bei gleichzeitig sehr hoher Profitabilität aufweist, zeigt aber, wie sensibel die Zollthematik aber auch die Schwäche des US-Dollars gerade für Pharmaunternehmen sind.

Bei Konsumgüterproduzenten, die im europäischen Aktienindex mit rund 20% gewichtet sind, dürften Hersteller von Nahrungsmitteln und Haushaltsprodukten im Wesentlichen bei Verpackungsmaterialien von Importzöllen betroffen sein. Ob die gesteigerten Verpackungskosten durch Preiserhöhungen weitergegeben werden können, ist angesichts der labilen Verfassung des US-Konsumenten fraglich. Sollte die zollbedingt steigende Inflation die Konsumentenstimmung weiter belasten, besteht zudem die Gefahr, dass der Konsument auf preisgünstigere Handelsmarken ausweicht. Deutlich schwieriger gestaltet sich die Situation für Nicht-Basiskonsumgüter wie Automobile und Luxusartikel. Für die Automobilindustrie bedeutet die erreichte Zollvereinbarung zwar eine spürbare Verbesserung im Vergleich zu den seit April vorübergehend verhängten Zöllen von 27,5%. Aber beim Automobilbauer Porsche, der über keine Produktionsstätten in den USA verfügt, belasteten die US-Zölle das Halbjahresergebnis bereits im Volumen von 400 Mio. €. Preiserhöhungen zwischen 2% und 4% sollen seit Juli diese Belastungen künftig zumindest teilweise abfedern, solange die Konkurrenz preislich mitzieht. Während einige Automobilhersteller wie BMW oder Mercedes-Benz über US-Produktionsstätten verfügen, stellt die Luxusgüterindustrie ihre Produkte überwiegend in Europa her. Da aber bereits in den Vorjahren kräftig an der Preisschraube gedreht wurde, sollte die Kaufbereitschaft der kaufkräftigen Klientel bei weiteren Preiserhöhungen nicht überschätzt werden. Vor allem für die überwiegend in der Schweiz produzierende Luxusuhrenindustrie wird die Zollbelastung von 39% für US-Exporte nicht kompensiert werden können.


Die zyklischen Segmente Industrie sowie Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe repräsentieren das verbleibende Viertel im europäischen Aktienindex und stellen eine sehr heterogene Gruppe dar. Die Bauindustrie produziert in vielen Teilbereichen „local for local“ aufgrund oftmals geringer Transportradien der Produkte. Auch die europäischen Chemiekonzerne haben in den letzten Jahren verstärkt in den USA investiert. Hier besteht allerdings das Risiko, dass Produkte aus chinesischen Überkapazitäten zollbedingt einen alternativen Absatzweg nach Europa suchen und hier die Profitabilität belasten. Ein Vorzeigebeispiel aus dem deutschen Maschinenbau ist die global agierende GEA Group, die wichtige Bauteile aus Europa in die USA weitertransportiert und dort final assembliert. Nach Aussagen des Managements konnten die Zollbelastungen bislang nahezu vollständig über „Weiterleitungs-Klauseln“ an die Kundschaft mittels Preiserhöhungen weitergereicht werden. Dabei profitiert das Unternehmen auch von der Tatsache, dass die Wettbewerbssituation vor Ort weniger stark durch lokale Konkurrenten geprägt ist.

Der verantwortliche Fondsmanager:

Berndt Maisch
Partner, Senior Fondsmanager
Maisch, Berndt
Maisch, Berndt